Nahtoderfahrungen

Vier Nahtod-Erfahrungen und ihre Folgen

 

Mit 38 Jahren erlebte ich Ende 1987 innerhalb von drei Wochen vier Nahtoderfahrungen, die sicher das Schönste waren, das ich in diesem Leben erfuhr: Nach einer Passage durch einen dunklen Tunnel erlebte ich beim Eintauchen in das helle goldgelbe Licht an seinem Ende, dass ich bedingungslos, also ohne Wenn und Aber geliebt wurde! Das hatte ich noch nie zuvor erlebt: Ich fühlte mich gebadet in dieser Liebe. Von dort 'oben' sah ich dann, dass meine Begleiter unten sich fürchterlich über meinen Zustand - ich lag hingestreckt vor einem flackernden Kaminfeuer - aufregten, was ich nicht wollte, so dass ich wieder zurück ging, um ihnen zu sagen, dass es mir doch so gut gehe. Sie sahen das allerdings anders - und ich wurde mit Blaulicht in das Medical Center der New York University eingeliefert, denn ich befand mich auf einer Reise in New York. Dort hatte ich dann einen Tag später die 2. Nahtoderfahrung, ebenso so schön und ich kam sogar noch etwas weiter in dieses hellgoldgelbe Licht, und dieses gefühlte, bedingungslose Angenommensein verführte mich dazu zu überlegen, ob ich nicht einfach dort bleiben könne. Aber, so fühlte ich dann, dort zu bleiben lag noch nicht an. Den Gedanken: „Danach könnte ich süchtig werden!“ nahm ich mit zurück ins Krankenhausbett. Bei der 3. Nahtoderfahrung, einige Tage später, fühlte ich dann, dass mir mein Leben gezeigt werden sollte – und ich war sehr gespannt: Vor mir entrollte sich langsam ein Papyrus, aber der war und blieb jungfräulich hell. Es stand nichts geschrieben! Die Botschaft war: Ich hatte mit dem, wozu ich auf die Erde gekommen war, noch gar nicht angefangen.

Das war nicht von irgend einer Strafe bedroht – mir jedoch unendlich peinlich. Wie war das nur möglich? Wo ich doch immer das getan hatte, was ALLE ANDEREN auch tun: Ausbildung, Karriere, Ehe, ein schönes, sicheres Leben haben … Diese Erfahrung brachte mich in den Tagen darauf sehr zum Nachdenken.

Bei der vierten Nahtoderfahrung, einige Tage nach einer OP und wie bei den beiden voran gegangenen Episoden am Überwachungsmonitor hängend, kam ich wieder durch diesen mir jetzt schon wohlbekannten Tunnel, es schien jedes mal ein wenig schneller zu gehen, und dann in das helle, goldgelbe Licht, und damit auch in diese bedingungslose Liebe, nach der ich so gerne süchtig werden wollte ... Aber dann sah ich vor mir, wie im Scherenschnitt, scharz auf goldenem Grund, den Tod in einer leibhaftigen Gestalt. Er trug einen schwarzen knielangen Umhang, auf dem Kopf einen Dreispitz, an dem eine lange Feder wippte; über die Schulter gelehnt trug er eine Sense. Ich erkannte, dass er dabei war, die gerade Verstorbenen, von denen er umgeben war, einzusammeln. Lange und intensiv schaute er mich an, und ich fühlte: Ich muss mich nun entscheiden, entweder mit ihm zu gehen, oder endlich zu tun, wozu ich gekommen war. Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich ihn fragen solle, um was es denn dabei gehe – denn ich wusste das nicht. Aber, so fühlte ich dann, das zu fragen lag nicht an. So entschied ich mich, nun endlich zu tun wozu ich hier her gekommen bin. Noch einen langen Moment schaute er mich intensiv weiter an, wie um mir klar zu machen, das nur ja nicht wieder zu vergessen. Dann drehte er sich langsam um, und zog mit den gerade Verstorbenen - wie ein Schäfer mit seinen Schafen - auf eine niedere pontonartige Brücke zu, die in die goldene Tiefe des Bildes führte.

Ich hatte gerade die Augen wieder geöffnet und mit dem Freund, der an meinem Bett saß, einen Satz gewechselt, als die Tür aufflog und eine Schwester im Rahmen stand; ich drehte ihr den Kopf zu und als sie staunend sah, dass ich bei Bewusstsein war, zog sie sich auf Zehenspitzen leise zurück.

Wie Sie sehen, habe ich alle Empfindungen, Gefühle und Gedanken die während dieser Erfahrungen wichtig waren, bis heute ganz plastisch behalten.

 

Ein paar Wochen später war ich wieder genesen, und zurück nach Deutschland gereist. Schon des öfteren hatte ich zuvor im Leben gefühlt und gedacht: Ich habe etwas zu tun – aber ich weiß nicht was. Auch jetzt wusste ich noch immer nicht, um was es zu gehen hatte – aber ich musste diesen Auftrag, endlich zu tun, wozu ich hier her auf die Erde gekommen war, unbedingt umsetzen. Das war mir vollkommen klar. Und da ich selbst nicht wusste, um was es nun in meinem Leben zu gehen hatte, war mir auch klar, dass mir das weder mein Mann, noch ein Professor, welcher Fakultät auch immer, würde sagen können. Deshalb entschied ich mich, fortan nur noch das zu tun, was sich in mir als nächsten zu tuenden Schritt stimmig anfühlte – indem ich immer wieder vor mir selbst bekräftigte: Ich will tun, wozu ich hier her gekommen bin!

Staunend erlebte ich dann, dass ich auf diese Weise nicht nur mit mir in Einklang kam und ein sicheres Gefühl entwickelte für den jeweils zu tuenden nächsten Schritt, und wie mein Leben enorm an Fahrt gewann - sondern ich staunte auch über dieses sichere Gefühl - quasi ein Wiedererkennen - in mir, "dass ich schon immer so gewesen war"! Dieses Staunen führte mich natürlich zu der Frage, wieso ich nicht schon vorher so gelebt hatte - und warum das auch kaum sonst jemand zu tun scheint.

 

Durch die Nahtoderfahrungen - eine erste hatte ich bereits im Alter von ca. 10 Jahren - wurden mir die Hellsinne eröffnet, so dass meine Sensibilität enorm zunahm, was in unserer so rauhen Welt nicht nur angenehm ist. Ich hatte also einen Zugang zum Unbewussten als Geschenk dieser außergewöhnlichen Erfahrungen erhalten - ein Geschenk, das auch eine Verpflichtung bedeutete: Mir wurde schon bei der Bearbeitung der Linkshänder-Zusammenhänge in den 1990er Jahren klar, dass das, woran ich nun arbeitete, eine Bedeutung hatte, die weit über mich hinaus ging. Ich beschloss, dass ich AUS EIGENER GEMACHTER ERFAHRUNG WISSEN WILL - und war bereit, die dafür notwendigen Unbequemlichkeiten und Herausforderungen in Kauf zu nehmen. Das so Gefundene gab ich immer wieder durch Beratungen, Vorträge, Selbsthilfegruppen, Seminare & Workshops, Webseiten, Publikationen sowie PR an andere weiter.

Natürlich hatte ich anfangs angenommen: Ein paar Jährchen - und dann kann ich zum gewohnten Leben zurück kehren ... Nun, das war ein Irrtum, der sich aber im Rückblick als 'richtig' erwies: Wer weiß, ob ich das alles auf mich gennommen hätte, wenn ich gewusst hätte, wo ich überall durch muss - und vor allem, dass es so lange (29 Jahre) dauern würde. Es war auch keineswegs immer leicht - das zu sagen wäre eine Lüge. Aber im Rückblick erkannte ich immer wieder auch, dass es nur meine alte Sicht gewesen war, die Ängste und Zögern und Zweifel verursacht hatte! Denn wir sind alle geführt - und zwar sicher, wenn wir bereit sind, nach innen auf unsere Seele zu horchen und ihr, und durch sie den Eingebungen aus dem Jenseits, also aus den höheren Bewusstseinsebenen, zu folgen.

 

Jeder Mensch ist ein Künstler.

Joseph Beuys

 

Da ich annehme, dass es noch mehr Menschen gibt, die nicht wissen, wie sie zu dem finden, wozu sie eigentlich hier her auf die Erde kamen, teile ich die Ergebnisse hier mit.

© Ursula Hundemer, 2017